Ich würde es wieder tun
09.10.2010 - HOCHHEIM
Von Uli von Mengden
ERINNERUNGEN Inge Jens hat in ihrem Leben immer Zivilcourage bewiesen / Lesung in Hochheim
Die evangelische Kirche war voll besetzt. Die Besucher klebten an den Lippen von Inge Jens, die auf Einladung der Buchhandlung Eulenspiegel aus ihrer vor einem Jahr erschienenen Autobiografie „Unvollständige Erinnerungen“ las. Ihr inzwischen 83-jähriges Leben hat sie auf 240 Seiten niedergeschrieben. Es ist das Leben einer deutschen Intellektuellen, in deren Jugend die Gräuel des 2. Weltkrieges entscheidende Spuren hinterlassen haben. Das habe sie geprägt, nicht der Nationalsozialismus, sagt sie mit großer Entschiedenheit.
In Trümmern aufgewachsen
Wie massiv die Eindrücke ihrer zerstörten Geburtsstadt Hamburg sein mussten, deckten die Schilderungen auf. Als 15-Jährige taumelte sie durch die von Brandgeruch, Trümmern und dickem Staub gezeichneten Häuserzeilen. Beobachtungen eines geistig wachen und hoch sensiblen Menschen, die auch 68 Jahre später unter die Haut gingen. Das liegt an der einfachen, präzisen Sprache der überaus bescheiden auftretenden Herausgeberin der Thomas-Mann-Tagebücher und Bestsellerautorin.
Schon bald schwenkte ihr Lesevortrag ins beschauliche Tübingen, wo sie ihr Studium absolvierte. Ihr damaliger „hanseatischer Mitbewohner“, Walter Jens, sollte auch ihr Mann werden, mit dem sie sich heute in 59-jähriger Ehe befindet.
Nicht nur in ihrer wissenschaftlichen Arbeit begegneten sich die beiden Denker, sondern sie wandelten ihre tief verwurzelten Überzeugungen eines christlich-humanistischen Weltbildes in aktives Handeln um. Als es in Mutlangen Anfang der 80er Jahre zu Protesten gegen die Stationierung von Pershing-Raketen kam, saßen Inge und Walter Jens gemeinsam mit vielen weiteren prominenten Vertretern des deutschen Geisteslebens zur Blockade auf der Straße. „Ich würde es wieder tun“, hält die Friedensaktivistin aus heutiger Sicht fest und sieht den Protest als Mosaikstein für die Verschrottung der Raketen in den 90er Jahren an. So erklärt sich auch der mutige Schritt des Ehepaares Jens, in den 90er Jahren einen amerikanischen Deserteur der Irak-Truppen Unterschlupf zu gewähren.
Inge Jens, die ihre Lesung äußerst konzentriert und präsent gestaltet, hält immer wieder lebensprägende Ereignisse fest. So auch die Begegnung mit Katia Mann, Thomas Manns Witwe, über die sie später gemeinsam mit ihrem Mann die Biografie „Frau Thomas Mann“ verfasst.
„Wir sind rausgeschmissen worden nach einem ehrenwerten Leben“, hatte die ihre Emigration aus dem nationalsozialistisch regierten Deutschland begründet. Eine Sichtweise, die das Weltbild, das Inge Jens bis dato von den deutschen Exilanten hatte, komplett verdrehte. Prägend auch ihr Streit mit der Familie von Hans und Sophie Scholl, als sie am Heldenmythos der beiden Widerstandskämpfer kratzte, indem sie das ganze Umfeld der Weißen Rose umfassend würdigte.
Seit 2004 trägt sie durch die Demenzerkrankung ihres Mannes ein schweres privates Schicksal mit der ihr eigenen Würde. Dabei lässt sie ihrer detailgenaue Beobachtungs- und Beurteilungsgabe nicht im Stich. Der Mann, den sie kannte und liebte, habe sie durch seinen Gang in die geistige Umnachtung quasi verlassen. Dennoch ist ihre liebevolle Fürsorge für den ihr „Anvertrauten“ in ihren Beschreibungen seines langsamen Verlustes aller geistigen Fähigkeiten allgegenwärtig.
„Es war wunderbar“, kommentierte Walter Jens vor vier Jahren die Vertonung der von ihm übersetzten Texte aus dem Evangelium. „Ob er auch meinte, was er sagte, ich kann es nur hoffen“, schloss Inge Jens. Großer Beifall für eine starke, offene und klare Frau.



