Schocker und Romane
Vom Fernsehen und dem Internet sind sie relativ wenig angekränkelt. Die
Mitglieder des Lese-Clubs für junge Leute in der Buchhandlung Eulenspiegel in
Hochheim sind durchweg Leseratten. „Da erfahre ich die Geschichten viel
intensiver, weil ich mir das richtig gut in meinem Kopf ausmalen kann“, sagt
etwa die zehnjährige Malin, der im Fernsehen alles zu schnell geht. Sie gehört
zum bücherverschlingenden Zirkel, der sich im Abstand von einigen Wochen bei
Eulenspiegel trifft, um über das Gelesene zu sprechen. Buchhändlerin Anne
Schneider versammelt dazu immer lesebegeisterte Kinder und Jugendliche, um sich
mit ihnen auszutauschen. Zu diesem Lese-Club dazu zu gehören, ist schon etwas
Besonderes, denn dort genießt man Privilegien. Noch bevor die Bücher offiziell
in den Handel kommen, können sie die Mitglieder des Clubs ausleihen. Dann werden
Kurzkritiken angefertigt, die dann in der Bücherei am Regal des Lese-Clubs
ausliegen und künftigen Lesern ein Leitfaden sein können. „Auch ich habe die
Kinder-Rezensionen im Kopf, wenn sich bei mir die Verlage mit Neuerscheinungen
vorstellen“, macht Anne Schneider auf die Bedeutung aufmerksam, die die
Sichtweise der Kinder für sie hat.
Aktuell haben die Kinder wieder Kritiken verfasst, die in dem Fachmagazin
Bücherbox veröffentlich werden. Dort stellt die Arbeitsgemeinschaft von
Jugendbuchverlagen jährlich über 200 Neuerscheinungen vor, von denen einige nun
von den Hochheimer Lese-Club-Mitgliedern bewertet werden. ,,Mitreißend“
beurteilt etwa die 15-jährige Stella den Roman „Wintermädchen“, bei dem es um
das Schicksal von zwei magersüchtigen Mädchen geht. „Wish you were dead“ von
Todd Strasser, bekannt durch seinen Bestseller „Die Welle“, heißt der Schocker
um eine Bloggerin, den die zwölfjährige Marie buchstäblich verschlungen hat und
ihn ebenfalls euphorisch lobt, weil sie sich unheimlich gut in die Geschichte
hineinversetzen konnte, wie sie erzählt. Dass der eigentlich für eine ältere
Zielgruppe geschrieben ist, das stört die schon sehr erfahrene Leserin wenig.
Marie hat das Werk „15 Jungs, vier Frösche und ein Kuss“ bewertet, war weniger
begeistert und vergibt lediglich die Schulnote 3+, was bei ihr schon eine
deutliche Negativkritik ist. Wenn die Kinder ein Buch gar nicht gut finden, dann
wird es einfach nicht zu Ende gelesen und erhält entsprechend auch keine Kritik.
Außer dem Austausch über die Literatur stehen beim Lese-Club Aktionen wie eigene
Stände bei „Hochheim liest“ oder beim ,,Welttag des Buches“ auf dem Programm.
Jährlich gibt es auch eine Fahrt zur Buchmesse nach Frankfurt, wo die Kinder
Gäste bei einem Verlag sind.
Die Bücherwürmer - in den Ferien dienten bis zu fünf Bücher als Lesefutter -
gehören aber auch zur schreibenden Zunft. Fast alle haben schriftstellerische
Ambitionen, wie Malin verrät. Längst ist die Idee geboren, ein eigenes Buch zu
veröffentlichen, in dem dann die Geschichten der Kinder vom Lese-Club von
„Eulenspiegel“ nachzulesen sind.



